Unbekannt, am 06.02.2000

Zugunglück in Brühl
Technisches Hilfswerk (THW) mit 70 Helfern im Einsatz

eom Brühl/ Erftkreis - Ein schweres Zugunglück mit mindestens 7 Toten und 20 Schwerverletzten hat sich am frühen Sonntagmorgen im Bahnhof Brühl bei Köln ereignet.

Bereits um 0.45 Uhr, also kurz nach Entgleisen des D 203 auf seiner Fahrt von Amsterdam nach Basel, wurden die THW-Ortsverbände Bergheim, Brühl, Nörvenich, Bonn, Köln-Ost, Bornheim und Leverkusen alarmiert und rückten mit insgesamt 70 Helfern zur Unterstützung der Feuerwehr an die Einsatzstelle aus. Während der Nachtstunden unterstützte das THW vorrangig die Rettungsarbeiten durch Ausleuchten der Einsatzstelle und Aufbau einer Logistik.

Am Sonntagmittag waren noch 30 THW-Helfer im Einsatz, die nunmehr zusammen mit den Feuerwehrleuten und den Kräften der Bahn weitere Bergungsarbeiten an den verunglückten Waggons durchführen und die Räumung der vielbefahrenen Bahnstrecke vorbereiten werden. Es wird damit gerechnet, dass sich die Arbeiten zumindest bis in die kommende Nacht erstrecken werden, so dass das THW weiterhin in großem Umfang Stromerzeuger und Lichtmasten für die Ausleuchtung der Schadensstelle bereit halten wird.

 

N24, am 07.02.2000

Neun Tote bei Zugunglück in Brühl
N24: Lokführer des D-Zugs hatte nur eine Kurzausbildung - Unfallursache ist wahrscheinlich überhöhte Geschwindigkeit

In einem tödlichen Inferno aus zerborstenem Metall, Glas und Holz endete der Nachtexpress D203 von Amsterdam nach Basel: Im Bahnhof der Kleinstadt Brühl zwischen Köln und Bonn entgleiste der Zug am frühen Sonntagmorgen. Bis zum Abend wurden neun Tote geborgen, weitere 50 Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Den Opfern und deren Angehörigen sprachen außer Bahn-Chef Hartmut Mehdorn auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (beide SPD) auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Kock, ihr Mitgefühl aus. Clement ordnete überdies Trauerbeflaggung in den Gebäuden des Landes an.

Nach ersten Ermittlungen von Bahn, Polizei und Eisenbahnbundesamt hatte der 28-jährige deutsche Lokführer den Bahnhof mit über 120 Stundenkilometern passiert, obwohl dort wegen einer Baustelle lediglich eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern zugelassen war. Dadurch sprang der Nachtexpress in einer Weiche aus den Schienen und schrammte hart an den Vorgärten mehrerer Häuser entlang, bevor sich die Lok mit ihren Puffern in eine Hauswand bohrte. Die Bewohner, ein Ehepaar, hatten Glück im Unglück - weil sie sich im Obergeschoss des Gebäudes aufhielten, blieben sie unverletzt.

Die Baustelle war erst wenige Stunden vor der Katastrophe eingerichtet worden. Der 28-Jährige blieb zwar bei dem Unglück unverletzt, er erlitt aber einen schweren Schock und wurde in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses in Euskirchen gebracht. Es dürfe keine Vorverurteilung des Lokführers geben, sagte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn am Abend. Dass das Unglück mit einer übermäßigen Arbeitsbelastung im Zuge der Rationalisierungen zusammen hängen könnte, könne man aber "zu 100 Prozent ausschließen", fügte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG hinzu. (bild: Beamte bei der Spurensicherung)

Nach Informationen von N24 hatte der Lokführer des Unglückszuges jedoch lediglich eine verkürzte Ausbildung von sieben Monaten. Zudem soll der 28-jährige neu auf der Strecke gewesen sein und somit keine Erfahrungen in diesem Gleisbereich gehabt haben. Das haben Arbeitskollegen dem Sender bestätigt. Üblicherweise dauere die Ausbildung der Zugführer anderthalb bis drei Jahre, hieß es weiter. Im Zuge der Rationalisierungen bei der Bahn würde für Bewerber, die zuvor bereits einen technischen Beruf hatten, die Ausbildung aber verkürzt.

Zwei der insgesamt neun Wagen des Nachtexpress' hatten sich von dem übrigen Zug gelöst und sich um einen Stahlträger am Bahnsteig gewickelt. Die Lok hob bei dem Unfall regelrecht ab und schlitterte anschließend an der Böschung entlang, bis sie in der Hauswand zum Stehen kam. Die weitere Auswertung von Fahrtenschreiber und Sprachaufzeichnungen aus der Führerkanzel der Lok sollen nun endgültige Aufschlüsse über die Unglücksursache bringen.

Nach Angaben des Kölner Polizeichefs Winrich Granitzka überlebten 48 Reisende, die aus aller Welt stammten, das Unglück ohne Verletzungen. Auch am Sonntagabend wurden noch immer einige Fahrgäste vermisst. Die Polizei vermutet, dass sie sich unter Schockeinwirkung vom Unfallort entfernt haben und auf andere Art ihr Reiseziel erreicht haben könnten.

Bei den Rettungsarbeiten, die nach Granitzkas Angaben auch in der Nacht zum Montag fortgesetzt werden sollten, waren bis zum Nachmittag etwa 200 Feuerwehrleute und mehr als 300 Polizisten im Einsatz. Hinzu kamen mehr als hundert Mitarbeiter anderen Hilfsorganisationen sowie zahlreiche Bundesgrenzschützer und vier Hubschrauber.

Drei kleine Kinder überlebten die Zugkatastrophe kaum verletzt. 50 Skifahrer aus den Niederlanden, die das Unglück ebenfalls unverletzt überstanden hatten, setzten ihre Reise in den Süden bereits am Sonntagmorgen in Bussen fort.

Der tägliche Nachtexpress D203 erreicht normalerweise seinen Zielbahnhof Basel planmäßig am nächsten Morgen um 6.40 Uhr. Im Winter ist er nach Angaben von Bahnsprecher Manfred Ziegerath auch bei Ski-Fahrern beliebt, weil sie damit praktisch im Schlaf ihre südlichen Urlaubsgebiete erreichen.

Der Fernverkehr zwischen Köln und Koblenz wird bis zum Abschluss der Aufräumarbeiten über die rechte Rheinstrecke mit Halt in Bonn-Beuel umgeleitet. Nach Auskunft der Deutschen Bahn AG soll der Zugverkehr voraussichtlich an diesem Montagabend wieder aufgenommen werden. Die Polizei verwies darauf, dass es frühestens im Laufes des Montags weitere offizielle Erklärungen der Behörden gebe.
06.02.2000 21:55:18

 

N-TV am 07.02.2000

Neun Tote bei Zugunglück nahe Brühl 

Bei einem Zugunglück südlich von Köln sind nach Polizeiangaben in der Nacht mindestens neun Menschen ums Leben gekommen. Ein Bahnsprecher teilte mit, dass weitere 20 Personen “schwerst verletzt” und 105 “leicht oder schwer verletzt” seien. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Opfer gefunden werden. Der Zug entgleiste um 0.13 Uhr kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Brühl an einer Gleisbaustelle.
 
Die Lokomotive des Zuges und die ersten Wagen stürzten eine Böschung hinunter. Die Lok raste in die Garage eines Einfamilienhauses und kam vor der Wohnzimmerwand zum Stehen. Die Bewohner des Hauses blieben unverletzt, standen jedoch unter Schock. Ein Waggon des Zuges kollidierte mit einem Eisenträger.
 
Die Bergungs- und Rettungsarbeiten dauern an. Polizeisprecher Wolfgang Stübner sagte, auch sämtliche andere Waggons des Zuges seien beschädigt. Die Beamte suchen mit Hunden nach weiteren Opfern. Die Verletzten wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht.
 
Der D-Zug 203 war auf dem Weg von Amsterdam nach Basel. Er bestand aus neuen Wagen und war mit rund 300 Menschen besetzt. Im Zug befanden sich den Angaben zufolge hauptsächlich Engländer, Niederländer und Japaner. Augenzeugen berichten, dass sehr viele junge Menschen unter den Fahrgästen waren. Eine genaue Übersicht über die Zuginsassen ist jedoch schwer möglich, da viele der Unverletzten einfach mit ihren Koffern weggegangen seien.
 
Nach Einschätzung von Bahnchef Hartmut Mehdorn kann das Unglück durch überhöhte Geschwindigkeit des Zuges verursacht sein. "Rein optisch könnte man sehr schnell auf die Idee kommen, dass überhöhte Geschwindigkeit die Unfallursache war", sagte er. Jedoch müsse man die Fakten abwarten. Mit der Auswertung der Daten des Fahrtenschreiber des Zuges werden Hinweise auf die Unglücksursache erwartet.
 
Die Deutsche Bahn hat eine Telefon-Hotline eingerichtet. Unter der Nummer 0130/739944 gibt die Bahn Auskunft, ob sich Angehörige unter den Opfern befinden. Die Stadt Brühl richtete ebenfalls eine Hotline ein unter der Nummer 02232/792000.

 

 

Vorletzter Waggon in Brühl geborgen  

 Nach dem schweren Zugunglück südlich von Köln haben die Rettungsmannschaften bislang acht Tote aus den Trümmern geborgen. Zuvor war man von neun Todesopfern ausgegangen. Ein Sprecher der örtlichen Polizei teilte mit, es sei nicht auszuschließen, dass man noch weitere Opfer finden würde. Die Bergungsarbeiten konzentrieren sich nun auf den letzten der verunglückten Waggons.
 
Das durch überhöhte Geschwindigkeit des Zugs verursachte Unglück hat mindestens neun Todesopfer gefordert. Laut Polizeieinsatzleiter Winrich Granitzka wurden mindestens 86 Passagiere verletzt in Krankenhäuser eingeliefer. Zehn Personen seien schwerst verletzt. Noch immer werden 22 Menschen vermisst.
 
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, sagte in Frankfurt am Main, die Strecke könne voraussichtlich bis Montagabend wieder für den Verkehr freigegeben werden. Mehdorn erklärte, das Unglück sei nicht durch einen technischen Defekt verursacht worden.
 
Nach den Ermittlungen von Polizei und Eisenbahn-Bundesamt war der Zug auf einer Langsamfahrstrecke drei Mal so schnell wie erlaubt gefahren und auf einer Weiche entgleist. Warum der 28 Jahre alte Lokführer den Zug nach einer Baustelle zu früh auf 122 Kilometer pro Stunde beschleunigte, blieb zunächst ungeklärt.
 
Granitzka sagte vor Journalisten in Köln, Identität und Nationalität der Toten seien noch unbekannt. Die Deutsche Bahn hat eine Telefon-Hotline eingerichtet. Unter der Nummer 0130/739944 gibt die Bahn Auskunft, ob sich Angehörige unter den Opfern befinden. Die Stadt Brühl richtete ebenfalls eine Hotline ein unter der Nummer 02232/792000.

 

 

Zugunglück bei Köln: Neun Tote
Bergung wird fortgesetzt
Der entgleiste Nachtexpress D 203 von Amsterdam nach BaselNach dem schweren Zugunglück in Brühl bei Köln haben die Rettungskräfte die Bergung des vorletzten Waggons am Morgen abgeschlossen. In dem Wagen seien keine weiteren Opfer gefunden worden, sagte ein Kölner Polizeisprecher. Mittlerweile habe die Bergung des letzten der verunglückten Waggons begonnen. Im Laufe des Vormittags werde Gewissheit herrschen, ob sich darin noch Menschen befinden. Die beiden letzten Waggons hatten sich ineinander verkeilt und um einen Stahlträger am Bahnsteig gewickelt.

22 Menschen werden vermisst
Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei sind bei dem Unglück neun Fahrgäste ums Leben gekommen. Zehn Personen erlitten schwerste, 42 schwere und 44 leichte Verletzungen. 22 Personen werden noch vermisst. Die Polizei geht jedoch davon aus, dass sich viele von ihnen unter Schock stehend vom Unglücksort entfernt hätten.

Zug fuhr dreimal schneller als erlaubt
Der Nachtexpress D 203 von Amsterdam nach Basel war am frühen Sonntagmorgen im rheinischen Brühl entgleist. Nach den Ermittlungen von Polizei und Eisenbahn-Bundesamt war der Zug auf einer Langsamfahrstrecke drei Mal so schnell wie erlaubt gefahren und auf einer Weiche entgleist. ...Fortsetzung mit Real-Video (ARD Brennpunkt, 12:10 min)

 

Kölner - Stadt - Anzeiger vom 07.02.2000

Keine weiteren Opfer
Vorletzter Waggon Montag Morgen geborgen


Brühl (dpa) - Nach dem schweren Zugunglück in Brühl bei Köln haben die Rettungskräfte die Bergung des vorletzten Waggons am Montagmorgen abgeschlossen. In dem Wagen seien keine weiteren Opfer gefunden worden, sagte ein Kölner Polizeisprecher. Mittlerweile habe die Bergung des letzten der verunglückten Waggons begonnen. Im Laufe des Vormittags werde Gewissheit herrschen, ob sich darin noch Menschen befinden.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei sind bei dem Unglück neun Fahrgäste ums Leben gekommen. Zehn Personen erlitten schwerste, 42 schwere und 44 leichte Verletzungen. Der Nachtexpress D 203 von Amsterdam nach Basel war am frühen Sonntagmorgen im rheinischen Brühl entgleist.

Bei der Identifizierung der Opfer erhofft sich die Polizei heute (Montag) Mittag erste Ergebnisse. "Die Fahrgäste kamen von fünf Kontinenten, deshalb ist das äußerst kompliziert", sagte der Polizeisprecher. "Alles geht nur sehr langsam voran." 22 Personen würden noch immer vermisst. Jedoch sei davon auszugehen, dass sich viele von ihnen unter Schock stehend vom Unfallort entfernt hätten.

Trauerbeflaggung in NRW
Stark überhöhte Geschwindigkeit Ursache des Unglücks in Brühl
Mindestens neun Reisende starben - Fast 100 Verletzte - Lok und Waggons entgleist

Von Harald Biskup

Die Lokomotive bohrte sich in ein Einfamilienhaus.

Brühl - Das schwere Zugunglück, das sich in der Nacht zum Sonntag im Bahnhof Brühl zwischen Köln und Bonn ereignet hat, ist nach ersten Ermittlungen in erster Linie auf menschliches Versagen zurückzuführen. Obwohl wegen Bauarbeiten nur eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern erlaubt war, raste der D-Zug Amsterdam-Basel mit Tempo 122 auf eine Weiche zu und sprang dann aus den Gleisen.

Mehrere Waggons und die Lokomotive stürzten eine Böschung hinunter und kamen im Vorgarten eines Einfamilienhauses zum Stehen. Ein älteres Ehepaar, das im ersten Stockwerk schlief, erlitt einen Schock. Neun Menschen kamen durch das Unglück ums Leben: fast 100 Reisende wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Unter den zehn Schwerstverletzten mit Beinamputationen und Schädel-Hirn-Traumata schwebten einige noch in Lebensgefahr, teilte der Einsatzleiter der Kölner Polizei, Winrich Granitzka, mit.

Die Polizei geht davon aus, dass sich in dem Zug etwa 300 Reisende aus etwa 15 Nationen, darunter Amerikaner und Japaner, befunden haben. Viele Fahrgäste hätten sich selbst durch die Fenster retten können. Polizei und Staatsanwaltschaft betonten, die Ermittlungen würden "in alle Richtungen" geführt und richteten sich nicht nur gegen den Lokführer.

Fassungslos: Hartmut Mehdorn in Brühl.

Ersten Ermittlungen zufolge hatte der 28 Jahre alte Lokführer den Zug vor der Baustelle auf die vorgeschriebenen 40 Stundenkilometer gebremst, dann jedoch aus zunächst unbekannten Gründen zu früh wieder beschleunigt. Der Lokführer verweigerte die Aussage; er musste mit einem schweren Schock in eine Klinik gebracht werden.

Granitzka betonte, der Zug habe wegen des überhöhten Tempos an der Unglücksweiche im Brühler Bahnhof "fast abgehoben". Nach Angaben des Eisenbahnbundesamtes hatte der Lokführer zunächst nach entsprechender Warnung durch ein Signal die Baustelle vor dem Bahnhof mit den vorgeschriebenen 40 Stundenkilometern passiert; aus zunächst unerklärlich Gründen beschleunigte er den Zug jedoch auf den folgenden zwei Streckenkilometern auf 122 Stundenkilometer und raste in die Weiche, die den Zug unmittelbar vor dem Bahnhof auf ein Nebengleis umleiten sollte. Acht der neun Waggons sprangen daraufhin aus den Schienen.

Den mehr als 300 Helfern und 14 Notärzten bot sich an der Unglücksstelle ein Bild der Zerstörung. Im Waggon hinter der Lok, der in einen Vorgarten kippte, wurden sechs Menschen getötet; die anderen Todesopfer saßen im zweiten Wagen, der quer über einen Bahnsteig des zur Unfallzeit menschenleeren Kleinstadt-Bahnhofs schleuderte. Anwohner leisteten erste Hilfe und betreuten die Verletzten in ihren Häusern.

Granitzka zufolge entgingen mehrere Waggons nur um Haaresbreite einer Kollision mit einer Reihe dickstämmiger Bäume. Im Fall eines Aufpralls auf die Bäume hätte die Zahl der Opfer nach Expertenmeinung noch deutlich höher gelegen. Viele Leichen wurden buchstäblich zerrissen und konnten zunächst nicht identifiziert werden. Bahnchef Harmut Mehdorn äußerte sich an der Unfallstelle "tief betroffen". NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement sprach in Brühl von einer "entsetzlichen Katastrophe"; er ordnete Trauerbeflaggung an allen öffentlichen Gebäuden des Landes an. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder zeigte sich "tief betroffen". Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt äußerte sich erschüttert. Das bisher schlimmste Zugunglück in der Bundesrepublik war die Katastrophe im niedersächsischen Eschede im Sommer 1998. Damals starben 101 Menschen in den Trümmern eines ICE.

 

Leitender Notarzt berichtet
Das Grauen erwartet
Heinz-Albert Brüne: Es lief wie ein Uhrwerk

Von Bettina Jochheim

Brühl - "Massenanfall von Verletzten" heißt es in der Sprache des Rettungswesens, wenn ein Unfall passiert, wie er sich am frühen Sonntagmorgen am Brühler Bahnhof ereignet hat. Heinz-Albert Brüne, der als leitender Notarzt im Erftkreis für die Organisation von Rettung, Bergung, Erstversorgung und Weiterleitung der Verletzten zuständig war, wohnt in Brühl und war gegen 0.15 Uhr von dem ungewöhnlichen Sirenenton geweckt worden. "Das muss was Großes sein", dachte Brüne. Wenig später folgte der Anruf der Kreisleitstelle der Polizei. Die dortigen Mitarbeiter informierten ihn schon darüber, dass mehrere hundert Verletzte zu erwarten seien, auch Todesopfer seien nicht auszuschließen.

In seinem Kopf begann bereits die Planung zur Rettung. Schon auf dem Weg zum Brühler Bahnhof überdachte er erste Schritte. Als er um 0.28 Uhr am Unglücksort ankam, "bot sich mir ein Bild, wie ich es erwartet habe". Noch vor anderthalb Jahren hätten die Einsatzkräfte auf einem Abstellgleis der Firma Vegla in Kerpen eine "heiße Übung" gemacht, und - wie es der Zufall will - ausgerechnet ein Zugunglück ähnlichen Ausmaßes simuliert. "Wir konnten viel Nutzen aus dieser Übung ziehen", sagt der Notarzt. Und so habe ihn in der Tat kaum etwas unvorbereitet getroffen. "Das hatte zur Folge, dass es keine Chaos-Situation gab, wie sie etwa eine Stunde lang beim Bahnunglück in Eschede vorherrschte." Jeder habe gewusst, was zu tun sei, es gab kein Kompetenzgerangel, keine unnötige Hektik. "Es lief wie ein Uhrwerk", beschreibt er. Dabei sollte seine Sachlichkeit keineswegs mit "Coolness" verwechselt werden, "routiniert ist das richtige Wort", sagt Brüne.

Zunächst habe er das Brauhaus am Schloss, einst das Brühler Bahnhofsgebäude, umfunktioniert. Das Inventar mehrerer Rettungswagen wurde ausgebaut und in einem Raum der Gaststätte installiert. Dort wurden Schwerverletzte behandelt, im Vorraum betreuten die Helfer die Leichtverletzten. 14 Notärzte waren alarmiert worden, aber auch niedergelassene Mediziner aus der Schlossstadt seien herbei geeilt, um Hilfe zu leisten. "Insgesamt waren wir etwa 20 bis 25." Sein ganzes Lob gilt auch den Anwohnern der Sackgasse "Am Inselweiher". "Die haben unheimlich geholfen, Verletzte versorgt, Blutungen gestillt und Verwirrten Orientierungshilfen gegeben."

Zu 19 Krankenhäusern habe er Kontakt aufgenommen, Möglichkeiten der Behandlung und Kapazitäten abgefragt, und anschließend entschieden, welcher Patient mit welcher Verletzung in welche Klinik gebracht wurde. Bei einem Opfer habe man in der Tat eine Amputation vor Ort vornehmen müssen. Da er selbst ausschließlich mit der Organisation beschäftigt und die Individual-Behandlung die Aufgabe anderer war, sei er auch bei dieser Not-Operation nicht zugegen gewesen. Später sei er aber gefragt worden, ob man den Eingeklemmten zuvor um Einverständnis gebeten habe. "Aber was glauben Sie, was man da für eine Antwort bekäme?", fragt der Mediziner zurück. Man müsse abwägen und Prioritäten setzen. In diesem Fall sei klar gewesen, dass der Waggon, der auf dem Bein des Opfers gelegen habe, auf noch unbestimmte Zeit nicht angehoben werden konnte.

Über zweieinhalb Stunden habe auch ein Feuerwehrmann psychische Hilfestellung bei einem Mann geleistet, der eingeklemmt war und erst als letzter aus dem Zug befreit werden konnte. Er habe dessen Hand gehalten und ihm Mut zugesprochen. Die Verletzungen des Eingeschlossenen seien ansonsten nicht gravierend gewesen, aber gerade im Zustand des Eingeklemmt-Seins bräuchten die Opfer ständigen Kontakt und seelische Unterstützung.

Psychische Betreuung brauchen auch die Rettungskräfte. Bei ihm selbst fange die Familie, seine Frau und die drei Kinder, sehr viel auf. Während seines zweistündigen Schlafes hätten auch ihn die Unglücksbilder nicht losgelassen. "Im Traum waren es waren aber ganz realistische Szenen, keine überzogenen Visionen." Andere suchten das Gespräch mit Seelsorgern. Bereits am Sonntag um 18 Uhr habe es ein Treffen der Rettungskräfte gegeben, bei dem erste Eindrücke verarbeitet worden seien.

Geschichte:

Sechs Tote bei Zugunglück in Königsdorf 1983
Mit 130 gegen Brückenpfeiler

Von Helmut Weingarten

Donnerstagabend, 21.16 Uhr. Der Ostende-Wien-Express rast mit 130 Stundenkilometern in eine Schlammbarriere. Die Lokomotive und ein Waggon springen aus den Schienen und prallen mit fast unverminderter Geschwindigkeit gegen einen massiven Brückenpfeiler. Das war vor 17 Jahren am 26. Mai 1983 unweit des Bundesbahnhofes Großkönigsdorf. Das Unglück forderte damals sechs Menschenleben. Unter den Opfern befand sich auch der 46 Jahre alte Lokführer. Die Eisenbahnkatastrophe in Brühl war das zweite verheerende Eisenbahnunglück auf dem Gebiet des Erftkreises in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Mehr als 250 Helfer waren seinerzeit im Einsatz. Sechs Ärzte, Feuerwehrleute aus dem Erftkreis und die Berufsfeuerwehr Köln, Rettungssanitäter, Rotkreuzhelfer, Malteser, Angehörige des Arbeitssamariterbundes bemühten sich um die Schwer- und Leichtverletzten. So wie in Brühl kümmerten sich auch in Königsdorf Anwohner - soweit es ihnen möglich war - um die unverletzt gebliebenen Fahrgäste. Besonders der unmittelbar am Unglücksort gegenüber dem Bahnhof praktizierende Arzt Dr. Eberhard Backus war einer der Ersten, die wertvolle Hilfe leisteten. So wie in Brühl wurde auch in Königsdorf die Bahnhofsgaststätte zur ersten Anlaufstation für die leichter Verletzten und die hilfesuchenden, hauptsächlich ausländischen Passagiere, aber auch für die bis zur Erschöpfung arbeitenden Helfer, die sich hier bei einer heißen Tasse Tee oder Kaffee erfrischen konnten.

"In dem Chaos war kein Durchkommen", zitierte am 28. Mai 1983 der "Kölner Stadt-Anzeiger" den inzwischen verstorbenen Königsdorfer Arzt. "Die Menschen lagen übereinander zwischen den zersplitterten Abteilen, Arme und Beine, von denen man nicht wusste, was zu wem gehörte", so schilderte der Mediziner damals die Situation. Menschliches Versagen als Ursache? Nach anhaltendem Regen hatte ein Erdrutsch eine Böschung beschädigt und einen Teil der zweigleisigen Strecke im Einschnitt des ehemaligen Tunnels mit Lehm und Geröll überschüttet. Der Lokführer sei gewarnt gewesen, hieß es damals. Und noch eines vermittelte der Fahrtenschreiber: das Tempo, mit dem der D 225 aus Ostende kommend in das Hindernis gerast war - 130 Stundenkilometer.

In der Nacht vom 25. zum 26. April 1987 kam es erneut zu einem Unfall auf der Eisenbahnstrecke Köln-Aachen bei Königsdorf, als eine Lok in einen Erdhaufen fuhr und stecken blieb. Niemand wurde verletzt.

Den schwersten Unfall im Gebiet des heutigen Erftkreises gab es im August 1929, als der D-Zug Paris-Warschau bei Buir entgleiste und sich die Waggons ineinander verkeilten. Dreizehn Tote und 40 Verletzte mussten aus den Trümmern geborgen werden.

 

Kölner Rundschau, am 08.02.2000

Feuerwehrleute, Polizei und Helfer aus dem Erftkreis arbeiteten Hand in Hand auf Hochtouren
Brühl brennt sich ins Gedächtnis der Nation

Von Manfred Theisen

Brühl. Er hört nur den Regen, wie er auf das Zeltdach trommelt. Sebastian Eckhardt sitzt durchgefroren auf der Holzbank im Zelt des Technischen Hilfswerks aus Brühl und umklammert den Plastikbecher. Die ganze Nacht ist der Helfer des THW an der Unglücksstelle gewesen und hat seine 200 Kollegen - fast alle aus dem Erftkreis - von Feuerwehr und THW und ausgehungerte Journalisten versorgt. Speiseplan: Spargelcreme-, Gulasch-, Hühnersuppe und Schokobrote. Die Sonne geht auf an diesem Montag - zum zweiten Mal nach der Katastrophe. Sebastian Eckhardt ist in dieser Nacht der Anblick der Toten erspart geblieben. Anderen nicht: Einer der Feuerwehrmänner hatte zwei Stunden lang den Arm eines Toten gesehen, ehe er geborgen werden konnte", sagt Pfarrer Bernd Stollewerk aus Frechen. Er und drei weitere Notfallseelsorger aus dem nördlichen Erftkreis waren in den vergangenen 30 Stunden vor Ort.

Eine Nummer, die auch nachts klingelte, war die 79 20 00 im Brühler Rathaus, einen Steinwurf entfernt. Dort hatten Bürgermeister Michael Kreuzberg und sein Stab eine Hotline für Angehörige eingerichtet. "Es riefen auch Leute an, die helfen wollten." Der Kämmerer Brühls, Dieter Freytag, ist erschöpft und gerührt von der Hilfsbereitschaft der Leute im Erftkreis: "Sogar eine Krankenschwester und ein Übersetzer wollten uns unter die Arme greifen. Auch muss ich sagen, dass die Koordination zwischen den Einsatzkräften einfach hervorragend funktioniert hat." Der Stab um Kreuzberg hatte Glück im Unglück, denn die Hotline-Nummer war noch heiß: Eingerichtet wurde sie ursprünglich, um in der Millennium-Nacht dem Computergau entgegenzutreten.

Alle sind sie an diesem Morgen übermüdet, und der Kaffee wärmt nicht nur die Hände, sondern weckt auch die Lebensgeister von Sebastian Eckhardt. Er wird übermorgen wieder als Chemikant bei Bayer arbeiten.

Einer, der in dieser Nacht zwar zu Hause war, aber wieder keinen Schlaf fand, ist Kreuzberg. "Das Telefon stand bei uns nicht still", sagt er. Zudem ist er ohnehin zu aufgewühlt - "mitgenommen". Noch recht frisch im Amt steht sein Städtchen plötzlich im Licht der Öffentlichkeit. Er weiß: Der Name Brühl wird wie Eschwege durch die Unglücksnacht ins Gedächtnis der Nation gebrannt. Gerade an der Stelle, wo um die Jahrhundertwende die Züge langsam fahren sollten, damit die feinen Bürger aus Bonn und Köln sich am Schloss weiden konnten, geschah der Unfall. Eine Katastrophe, die die "Max-Ernst-Stadt" aus dem Dornröschenschlaf reißt.

Während Sebastian Eckhardt endlich abgelöst wird, gehen bei Adelheid Kaiser die Gitter hoch. Sie öffnet ihren Kiosk - 100 Meter von der Unglücksstelle entfernt -, mit Blick auf den Bahnhof. "Gestern - am Sonntag - war es hier voll wie bei einer Volkswanderung", sagt sie. "Die Leute sind von überall her angereist, um mal zu gucken." Die Kasse des Kiosks klingelte, doch Adelheid sieht den Katastrophen-Tourismus kritisch. "Hier neben dem Kiosk gibt's einen Aufgang, der gleich zu den Gleisen hochführt. Wenn man da ein bisschen klettert, ist man fast am Unfallort." Sie hat das Tor gleich abgeschlossen, als Jugendliche den Schleichweg nehmen wollten. Jetzt nach Morgengrauen müssen die Polizisten - unter denen rund 20 aus dem Erftkreis sind - die Schaulustigen zurückweisen. Einer hatte sogar so getan, als müsse er seinem Hund hinter die Absperrung folgen. Andere hatten versucht über die angrenzenden Gärten der Nachbarn zur Unfallstelle zu gelangen. Der Bürgermeister ist mittlerweile seit zwei Tagen wach und müde. Aber für ihn fängt der Tag jetzt erst richtig an, denn eine Pressekonferenz jagt die andere im sonst so überschaubaren Brühl.

 

Yahoo am 08.02.2000

Dienstag, 8. Februar 2000, 11:05 Uhr

Zugunglück: Weitere Waggons geborgen

Brühl (dpa) - Die Bergung des Zugwracks auf dem Bahnhof von Brühl wird voraussichtlich in wenigen Stunden abgeschlossen sein. «Bisher sind 70 Prozent der Wagen geborgen, der Rest wird wohl bis zum Nachmittag abtransportiert sein», erklärte der Sprecher der Deutschen Bahn AG in Nordrhein-Westfalen, Manfred Ziegerath, am Dienstagmorgen.

Allein die Lokomotive sei noch ein Problem. Der Triebwagen war in ein Haus direkt am Bahnhof gerast und muss möglicherweise vor dem Transport zerlegt werden.

Bis zur Aufnahme des Zugverkehrs auf der üblichen Strecke zwischen Frankfurt und Köln könnten noch einige Tage vergehen. Auch der Bahnsteig müsse erst wieder hergerichtet werden, hieß es. Bei den Arbeiten in der Nacht waren unter den Trümmern keine weiteren Opfer gefunden worden.

Bei dem Zugunglück waren am Sonntag acht Reisende, eine Frau und sieben Männer, ums Leben gekommen. Sie stammen nach Angaben der Kölner Polizei alle aus Deutschland. «Die Identifikation ist bis auf einen Fall abgeschlossen», erklärte ein Polizeisprecher am Dienstag. 149 Menschen hatten teils schwerste Verletzungen erlitten. Von den 46 Menschen, die am Dienstag noch im Krankenhaus lagen, befand sich ein Patient noch in Lebensgefahr.

Unterdessen verdichteten sich die Hinweise auf menschliches Versagen als Ursache des Unglücks. «Zehn Züge sind mit dem gleichen Verzeichnis für Langsamfahrstellen wie der Lokführer des Nachtexpress problemlos über die Weiche gefahren», erklärte Bahn-Sprecher Ziegerath. Absolut verbindlich für die Lokführer seien die Signale. Die Zeichen hätten auf dieser Teilstrecke eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern angezeigt. «Das Signalbuch ist eine Rechtsvorschrift», meinte Ziegerath.

 

dpa am 08.02.2000

Dienstag, 8. Februar 2000, 07:28 Uhr

Weiter keine Klarheit über Brühler Zugunglück

Brühl (dpa) - Zwei Tage nach dem schweren Zugunglück von Brühl bei Köln gibt es weiter keine Klarheit über die Ursache. Es wird weiter gerätselt, warum der Lokführer mit rund 120 Stundenkilometern drei Mal schneller als erlaubt in die Katastrophe raste. Bahnchef Mehdorn warnte vor einer Vorverurteilung des 28-jährigen Zugführers, der noch immer nicht vernommen werden kann. In Brühl gehen die Aufräumarbeiten inzwischen weiter. Acht Menschen kamen ums Leben, ein Verletzter schwebt noch in Lebensgefahr. Insgesamt wurden 149 Menschen verletzt.

 

Kölner Stadt Anzeiger 10.02.2000
Zugunglück in Brühl
Großes Lob für die Retter
Rau und Clement nehmen am Gottesdienst teil

Von Bettina Jochheim

Brühl - "Ich bin der Lokführer. Ich muss helfen." Mit diesen Wort sei der 28 Jahre alte Zugführer Sacha B. auf ihn zugekommen, berichtete gestern in einer Pressekonferenz Heinz-Albert Brüne, leitender Notarzt im Erftkreis, von seiner ersten Begegnung mit dem Weilerswister Eisenbahner in der Nacht von Samstag auf Sonntag am Unglücksort in Brühl. Der Mann sei geschockt umhergeirrt und habe sich quasi an seinen Rockzipfel gehängt. Brüne habe ihn behandelt und wegbringen lassen.

In einer ersten Bilanz lobten Offizielle des Erftkreises den selbstlosen Einsatz aller Rettungskräfte. Landrat Werner Stump sprach von einer nur kurzen Chaosphase: "Es gab kein Kompetenzgerangel, es gab nur den Willen zu helfen." Stump und Brühls Bürgermeister Michael Kreuzberg dankten den Rettungskräften sowie der Brühler Bevölkerung.

"Brühler Bürger spendeten Blut, boten Dolmetscherdienste an und halfen in den ersten Minuten den Verletzten aus dem Unglückszug", sagte Kreuzberg. Als erste Helfer waren Brühler Feuerwehrleute fünf Minuten nach der Entgleisung des D-Zugs 203 vor Ort. Insgesamt seien 847 Helfer tätig gewesen. Nach Angaben Brünes war bereits 15 Minuten nach dem Unfall ein Platz für die Verletzten in der Gaststätte "Brauhaus am Schloss" eingerichtet worden.

Etwa 2,5 Stunden nach dem Unglück, bei dem acht Menschen starben, seien alle Schwerverletzten in Kliniken untergebracht gewesen. 19 Krankenhäuser seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Insgesamt seien 137 Patienten behandelt worden. Besonderes Lob sprachen alle übereinstimmend dem Eigentümer des Brauhauses, Albert Damaschke, aus. In der Gaststätte waren Verletzte behandelt und Helfer versorgt worden.

Zeitgleich mit der Pressekonferenz liefen gestern die Vorbereitungen zum Abtransport der Lok auf Hochtouren. Mit Hilfe von zwei Kränen soll sie über Stahlplatten durch die Gärten vom Haus weggezogen werden. Und während auf der einen Seite der Häuser weitere Bäume abgeholzt wurden, klingelten Mitarbeiter der Bahn AG bei Anwohner der Sackgasse "Am Inselweiher" und überreichten - wie versprochen - Blumensträuße.

Am Sonntag, 13. Februar, 18.30 Uhr, wird es in der katholischen Kirche St. Margareta in Brühl einen Gedenkgottesdienst geben. Bundespräsident Johannes Rau, Ministerpräsident Wolfgang Clement und Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt haben ihr Kommen angekündigt.

Kölner Stadt Anzeiger vom 14.02.2000
Trauer-Gottesdienst
"Für die Angehörigen wird es ein Trost sein"
Gedenken an die Opfer des Bahnunglücks in Brühl

Von Bettina Jochheim

Brühl/Erftkreis - "Es sind Bilder, die sich in die Seele eingebrannt haben", sagte der evangelische Katastrophenseelsorger Holger Reiprich-Meurer in der Pfarrkirche St. Margareta in Brühl. Auf einer großen Bildwand wurde gestern Abend der ökumenische Gedenkgottesdienst für die Toten des Bahnunglücks übertragen. Etwas mehr als 100 Menschen standen ergriffen auf dem Marktplatz und lauschten den Worten der Geistlichen.

Zuvor hatten Polizeitruppen die Kirche in der Brühler Innenstadt von Suchhunden inspizieren lassen. Gegen 17.30 Uhr trafen die ersten Angehörigen der Toten sowie zahlreiche Verletzte ein. Sie wurden in einer Seitenstraße in Empfang genommen und zunächst in den Pfarrsaal geleitet. Wenig später fuhren unter anderem Bundespräsident Johannes Rau, Ministerpräsident Wolfgang Clement, Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vor. Sie wurden ebenfalls ins Innere des Pfarrhauses geführt.

Derweil hatten sich schon zahlreiche Brühler um die Kirche versammelt. "Ich finde es wunderbar, dass es diesen Gedenkgottesdienst für die Toten gibt. Ich glaube, für die Angehörigen wird es ein Trost sein," sagte Edith Gründel, die selbst ganz nahe an der Brühler Bahnstrecke wohnt und noch in der Nacht des Unglücks zum Bahnhof gegangen war, um dort ihre Hilfe anzubieten. Zweifel äußerte sie, ob Bahn-Chef Mehdorn wohl den Mut haben werde, am Gottesdienst teilzunehmen. Er kam - und mit ihm seine Frau Helen.

Plötzlich wurde es unruhig. Ein Feuerwehrmann lief um 18.15 Uhr, 15 Minuten bevor Joachim Kardinal Meisner erwartet wurde, in die Kirche. Als der Feuerwehrmann wieder heraus kam, folgten ihm fünf Wehrmänner. Die Sirene beantwortete die nicht gestellten Fragen der Wartenden: ein Feuer ganz in der Nähe.

Schließlich wurden die Angehörigen und Verletzten vom Saal quer über den kleinen Platz zum Portal geführt, wo Meisner sie begrüßte und sein Beileid aussprach.

Pünktlich um 18.28 Uhr begannen die Glocken zu läuten. Hans-Josef Radermacher, Pfarrer in der Kirche St. Margareta, wurde auf der Bildwand gegenüber des Rathauses sichtbar. Die Menschen auf dem Platz verstummten, folgten seinen Worten betroffen.

Unter ihnen auch Lydia Böhnhardt aus Frechen und die Brühlerin Christa Becker. "Ich hatte von dem Gottesdienst gehört und bin aus Frechen hierher gefahren", sagte Böhnhardt. Die 600 Plätze in der Kirche waren jedoch besetzt, so seien sie beide auf den Marktplatz gegangen. "Auch hier können wir Anteil am Schicksal der Betroffenen nehmen," meinte Becker. Erstaunt zeigte sich Angelika Thormeier, dass nicht mehr Menschen auf den Marktplatz gekommen waren. "Ich glaube, einen Tag nach dem Unglück waren mehr Menschen am Bahnhof als heute beim Gottesdienst", bedauerte sie.